« September 2022 »
September
SoMoDiMiDoFrSa
123
45678910
11121314151617
18192021222324
252627282930
Uni-Logo
Sie sind hier: Startseite Nachrichten Nachruf auf Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Kullmann (12.10.1927 – 4.4.2022)
Artikelaktionen

Nachruf auf Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Kullmann (12.10.1927 – 4.4.2022)

Am 4. April 2022 verstarb Wolfgang Kullmann im 95. Lebensjahr. Der am 12. Oktober 1927 in Berlin-Spandau geborene Kullmann studierte Klassische Philologie, Philosophie und Ägyptologie an der Humboldt-Universität Berlin. 1952 wurde er in Tübingen promoviert (Das Wirken der Götter in der Ilias, Berlin 1956), 1957 in Freiburg habilitiert (Die Quellen der Ilias, Wiesbaden 1960). Zwischen 1951 und 1958 war Kullmann in dem von Georg Picht geleiteten DFG-Projekt zur Erstellung eines Platon-Lexikons in Hinterzarten, zwischen 1958 und 1964 als Assistent, Dozent und apl. Professor am Seminar für Klassische Philologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg tätig. 1964 nahm er einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Klassische Philologie (Gräzistik) nach Marburg an. 1975 erfolgte die Berufung nach Freiburg, wo er am Seminar für Klassische Philologie bis zu seiner Emeritierung am 31.3.1996 wirkte.
 
Mit seiner Freiburger Habilitationsschrift zu den Quellen der homerischen Ilias legte Wolfgang Kullmann eine weit über die Fachgrenzen beachtete Untersuchung vor, die die festgefahrene Homer-Forschung in eine neue Richtung lenkte und zwischen den traditionellen Forschungsrichtungen der Homer-Analyse, der Oral-poetry-Forschung und unitarischen Ansätzen vermittelte. Nach Kullmann stammen Ilias und Odyssee von je einem großen Dichter aus dem 7. Jahrhundert v. Chr.; beide Werke seien von Anfang an schriftlich von einem noch in der mündlichen Tradition stehenden Dichter schriftlich konzipiert worden, wie die zahlreichen Fernbeziehungen und Querverweise in den beidem Epen belegen. Kullmanns Untersuchung wird gemeinhin als „Standardwerk der Neoanalyse“ bezeichnet. Kullmann selbst bevorzugte in späteren Arbeiten die Bezeichnung „motivgeschichtliche Forschungen“, um damit die von ihm entwickelte Methode auf andere Bereiche wie vorderorientalischer Einflüsse auf Homer zu öffnen.
 
Das zweite große Forschungsgebiet, auf dem Kullmann Bleibendes schuf, ist die antike Wissenschaft und deren Fortwirken bis in die Moderne, insbesondere die biologischen und zoologischen Schriften des Aristoteles sowie die Gattungen und Formen philosophischer und naturwissenschaftlicher Literatur der Antike im Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Mit seinen Arbeiten erschloss er nicht nur inhaltlich die schwierigen naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles (Aristoteles, Über die Teile der Lebewesen, Berlin 2007), sondern auch das wissenschaftliche Denken und die Methoden des Stagiriten (Wissenschaft und Methode. Interpretationen zur aristotelischen Theorie der Naturwissenschaft, Berlin 1974; Aristoteles als Naturwissenschaftler, Berlin 2014) und seine Wirkung auf die moderne Naturwissenschaft (Aristoteles und die moderne Wissenschaft, Stuttgart 1998).
 
Wolfgang Kullmann betreute in seiner langen Tätigkeit als akademischer Lehrer 41 Dissertationen. Viele seiner Schülerinnen und Schüler sind als Professorinnen und Professoren im In- und Ausland tätig. Als Vorsitzender des Kuratoriums der Karl und Gertrud Abel-Stiftung setzte er sich für die Erschließung der Philosophie der Antike ein. Für seine wissenschaftlichen Leistungen wurde ihm im Jahr 2000 von der Universität Trier und 2002 von der Aristoteles Universität Thessaloniki der Titel eines Ehrendoktors verliehen. 
 
Wolfgang Kullmann war einer der großen Gräzisten der Gegenwart. Das Seminar für Griechische und Lateinische Philologie wird ihm in Dankbarkeit ein ehrendes Andenken bewahren.
Benutzerspezifische Werkzeuge