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Geschichte

Geschichte der Lateinischen Philologie des Mittelalters in Freiburg

codex sangallensis 22, p.4
St. Gallen, Stiftsbibliothek,
Cod. Sang. 22, p. 4
(www.e-codices.unifr.ch)

as 1966 gegründete Seminar für Lateinische Philologie des Mittelalters wurde zunächst in der zweiten Etage des Hauses Colombistraße 4 eingerichtet. Gut zwanzig Jahre später, 1987, erfolgte der Umzug in das Kollegiengebäude I (Werthmannplatz 1-3) und 1998 konnten schließlich die heutigen Räumlichkeiten im Gebäude Werthmannstraße 8 (Vorderhaus) bezogen werden.

Erste Lehrstuhlinhaberin war die zum Sommersemester 1966 aus Stuttgart berufene Johanne Autenrieth, die zuvor in der Württembergischen Landesbibliothek in bahnbrechender Weise als Bearbeiterin mehrerer Handschriftenkataloge gewirkt hatte. Pionierarbeit war auch in Freiburg zu leisten, wo Autenrieth unter spartanischen Voraussetzungen bezüglich Ausstattung von Seminar und Bibliothek den Lehrbetrieb aufnahm und den Auf- und Ausbau des Seminars in die Wege leitete. Johanne Autenrieth vertrat als Schülerin Bernhard Bischoffs eine Ausrichtung des Fachs, für die eine Erforschung der Texte des lateinischen Mittelalters untrennbar mit dem akribischen Studium der materiellen Bedingungen ihrer Überlieferung, der Handschriftenkunde und insbesondere der Paläographie also, verbunden war. Diese Gewichtung manifestierte sich auch im Engagement Johanne Autenrieths für das 1962 in Angriff genommene, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Programm der Katalogisierung abendländischer Handschriften in Deutschland, für das sie die Richtlinien erstellte und dessen Entwicklung sie bis in die 80er Jahre als Gründungsmitglied des DFG-Unterausschusses für Handschriftenkatalogisierung entscheidend prägte.

Nach Johanne Autenrieths Emeritierung 1988 wurde Paul Gerhard Schmidt als ihr Nachfolger von Marburg nach Freiburg berufen. Neben seiner breiten Forschungs- und Lehrtätigkeit engagierte sich Paul Gerhard Schmidt ebenfalls während längerer Zeit im Unterausschuß für Handschriftenkatalogisierung, den er bis 1999 leitete. Schmidt führte auch die von seiner Vorgängerin begründete Reihe „Datierte Handschriften in Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland“ weiter.

Ein wesentlicher Faktor in der weiteren Entwicklung des Lehrstuhls waren die nachhaltigen Bemühungen um Kooperationen und Austauschbeziehungen über die Grenzen des Seminars hinaus. Schon Johanne Autenrieth hatte ihre Kompetenz als Kodikologin, Paläographin und Philologin in die kontinuierliche Zusammenarbeit mit benachbarten Disziplinen eingebracht. Unter Paul Gerhard Schmidt wurden diese Ansätze weiter gepflegt und systematisch ausgebaut. Diese Positionierung des Seminars im Kontext fachübergreifender Vernetzung manifestierte sich über den regulären Lehrexport hinaus auch in der aktiven Beteiligung an den in den neunziger Jahren in Freiburg eingerichteten Sonderforschungsbereichen 321 „Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit“ (Teilprojekt „Transformation mündlicher Texte am Beispiel der lateinischen Visionsliteratur“) und 541 „Identitäten und Alteritäten“ (Teilprojekt „Die Gruppe und der Außenseiter – gruppeninterne Konflikte im Spiegel mittellateinischer Literatur“). Dazu kam eine deutliche Intensivierung von Kontakte und Austauschbeziehungen mit Einrichtungen des Fachs im europäischen und außereuropäischen Ausland.

Zum WS 2005/06 wurde die Freiburger Professur für Lateinische Philologie des Mittelalters neu mit Felix Heinzer, zuvor Leiter der Handschriftenabteilung der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, besetzt. Noch vor der Emeritierung Paul Gerhard Schmidts im Frühjahr 2005 konnte der Bachelor-Studiengang 'Mittellatein' eingerichtet und approbiert werden: eine Maßnahme von erheblicher Tragweite im Hinblick auf die Stellung des Fachs innerhalb der von der Bologna-Erklärung von 1999 angeregten Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraums und den damit verbundenen Veränderungen der universitären Strukturen.

Wie seit den Anfängen des Freiburger mittellateinischen Seminars ging es auch unter Felix Heinzer entscheidend um die Frage nach der Rolle und dem Stellenwert eines kleinen Fachs mit knapper Personalstruktur innerhalb der Massenuniversität, und wie schon unter Johanne Autenrieth und Paul Gerhard Schmidt spielte dabei der Dialog und die Kooperation mit benachbarten Fächern in Forschung und Lehre eine entscheidende Rolle. Im bewussten Rekurs auf die historische Funktion der lateinischen Sprache als übergreifendes Kommunikationsmedium in Mittelalter und früher Neuzeit suchte das Seminar deshalb die gezielte Einbindung in das 2006 errichtete Mittelalterzentrum der Universität Freiburg und in die Programme interdisziplinär konzipierter Master-Studiengänge, insbesondere im Bereich der Mediävistik, wo dem Fach eine zentrale Aufgabe bei der Vernetzung der unterschiedlichen Disziplinen zufällt.

Seit dem Wintersemester 2012/13 bietet das Seminar einen deutschlandweit einmaligen Master of Arts ,Mittellateinische Philologie, Editionswissenschaft und Handschriftenkunde‘ an, dessen Schwerpunkt der Umgang mit der mittelalterlichen Textüberlieferung in den Handschriften und frühen Drucken sowie die editorische und philologische Erschließung der darin erhaltenen lateinischen Texte bildet. Besonderes Gewicht des Studienganges liegt daher auf der direkten Arbeit mit dem Quellenmaterial. Aufgrund der begrenzten Lehrkapazitäten des kleinen Seminares war es leider erforderlich, für die Einrichtung des Master-Studienganges den Bachelor-Studiengang auslaufen zu lassen.

Seit Juli 2012 beteiligt sich das Mittellateinische Seminar an dem Freiburger Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ mit dem interdisziplinären, von Mittellatein und Mittelalterlicher Geschichte getragenen Teilprojekt „Hagiographik als Heroisierung. Transformationen und Synkretismen im französischen, englischen und deutschen Frühmittelalter“ unter der Leitung von Felix Heinzer und Andreas Bihrer (später Birgit Studt). Die erste Förderphase des SFB 948 lief am 30. Juni 2016 aus.

Felix Heinzer ging zum 30. September 2015 in den verdienten Ruhestand. Zum Ende seiner aktiven Zeit gelang es ihm noch, die Freiburger Mittellatein-Professur auch für seinen Nachfolger bzw. für seine Nachfolgerin im Rang einer W 3-Professur zu erhalten. Infolgedessen wurde zum 1. Oktober 2015 die Mittellateinische Philologie mit der Klassischen im neuen "Seminar für Griechische und Lateinische Philologie" zusammengefasst und besteht fortan als eine von drei Abteilungen - als "Abteilung für Lateinische Philologie des Mittelalters" - weiter. Die W 3-Professur wurde bis zum 30.09.2017 von PD Dr. Lenka Jiroušková vertreten.

 

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